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ETCS wird Standard bei Korridorsanierungen – aber wer bezahlt die Fahrzeuge?

vor 2 Stunden
3 Min. Lesezeit

ETCS Strecke ohne Signale
ETCS Strecke ohne Signale

Am 9. Oktober 2026 haben das Bundesverkehrsministerium (BMV) und die DB InfraGO ihre überarbeitete Strategie für die Korridorsanierungen vorgestellt. Neben weniger Sanierungen pro Jahr und einer realistischeren Bauplanung steckt darin eine Nachricht, auf die wir lange gewartet haben: Die Digitalisierung der Schiene soll bei den Sanierungen künftig gleich mitgebaut werden.


Was ist ETCS?

ETCS steht für "European Train Control System". Es handelt sich um ein einheitliches europäisches System zur Zugsteuerung und -überwachung, das die Sicherheit und Effizienz im Schienenverkehr verbessern soll.


ETCS arbeitet auf der Grundlage von digitalen Signalen und ermöglicht es Zügen, ihre Geschwindigkeit und Position in Echtzeit zu überwachen. Dies geschieht durch:

  • Automatische Geschwindigkeitsüberwachung

  • Übertragung von Signalinformationen vom Gleis zum Zug

  • Integration mit bestehenden Signal- und Steuerungssystemen


ETCS ist damit ein wichtiger Schritt in Richtung eines einheitlichen und sicheren europäischen Schienenverkehrs, der die Mobilität verbessert und die Umweltbelastung reduziert.


Digitalisierung: ETCS wird der neue Standard


Ab Anfang der 2030er-Jahre soll bei jeder Korridorsanierung grundsätzlich direkt „ETCS Level 2 ohne Signale“ verbaut werden. Voraussetzung dafür sind entsprechende Konsultationen mit den Eisenbahnverkehrsunternehmen gemäß den geltenden gesetzlichen Vorschriften.


Laut Pressemitteilung heißt das konkret:

  • Bis dahin sollen erneuerte Stellwerke ETCS-fähig gebaut, Signalstandorte angepasst und moderne Achszähler eingebaut werden – so wie auf der Strecke Hamburg–Berlin.

  • Als Übergangslösung kommt auf einzelnen Korridoren (Troisdorf–Wiesbaden, Rosenheim–Salzburg) zunächst „ETCS Level 2 mit Signalen“. Zwischen Frankfurt und Mannheim ist diese Technik seit Mitte des Jahres vollständig in Betrieb.

  • Der Wechsel auf ETCS ohne Signale soll erfolgen, wenn „die Fahrzeugflotten weitgehend umgerüstet sind“.


Richtige Richtung – genau das haben wir gefordert


Für PRO BAHN ist diese Ankündigung ein wichtiger Schritt. Mit unserem Vorschlag einer Klingbeil-Bilger-Initiative haben wir im August genau das verlangt: Korridore möglichst als „ETCS-only“-Projekte zu sanieren, statt alte und neue Technik doppelt zu bauen und doppelt zu bezahlen. Die Erfahrung aus der Sanierung Hamburg–Berlin zeigt: Wer Milliarden in Gleise und Anlagen steckt, aber weiter alte Signaltechnik mitbauen muss, bekommt Mehrkosten, mehr Komplexität – und keinen besseren Betrieb.


Das große ABER: Wer bezahlt die Fahrzeuge?


ETCS ohne Signale funktioniert nur, wenn jeder Zug, der auf der Strecke fährt, ein ETCS-Bordgerät hat. Ein Zug ohne Ausrüstung kann einen solchen Abschnitt schlicht nicht mehr befahren. Das BMV macht die Umstellung deshalb selbst davon abhängig, dass die Flotten „weitgehend umgerüstet“ sind – sagt aber nicht, wie das gelingen und wer es bezahlen soll.


Und genau hier liegt das Problem: Die Finanzierungszusage des Bundes für die Fahrzeugausrüstung fehlt weiterhin. Das bestehende Förderprogramm (rund 1,7 Milliarden Euro bis 2030, Förderquote bis zu 60 Prozent bei Serienumrüstungen, laut Verkehrsrundschau) reicht für eine flächendeckende Umrüstung aller Fahrzeuge nicht aus. Den Rest müssten Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger tragen – am Ende also die Länder und die Fahrgäste. Die Fahrzeugausstattung ist zwischen den beteiligten Ministerien nicht geklärt.


Solange das so bleibt, ist „ETCS als Standard“ erst einmal nur eine Ankündigung ohne finanzielles Fundament.

Was PRO BAHN jetzt fordert


  • Eine verbindliche Finanzierungszusage des Bundes für die ETCS-Ausrüstung der Fahrzeuge, abgestimmt zwischen Verkehrs- und Finanzministerium. Genau dafür braucht es die Klingbeil-Bilger-Initiative.

  • Eine deutlich höhere Förderquote – 95 statt 60 Prozent für die kommenden drei Jahre –, damit Fahrzeuge schnell und nicht erst kurz vor knapp umgerüstet werden.

  • Einen verbindlichen Zeitplan für die Fahrzeugumrüstung, der zur Reihenfolge der Korridorsanierungen passt.

  • Frühe und transparente Konsultationen mit den Eisenbahnverkehrsunternehmen und den Aufgabenträgern der Länder, damit kein Zug und kein Fahrgast auf der sanierten Strecke stehen bleibt.


Digitale Schiene ja – aber bitte mit Plan und mit Geld. Sonst sanieren wir die Korridore ein weiteres Mal mit der Technik von gestern.



Quellen:

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